Ihr Lieben,
ich lese gerade Luhmann (Realität der Massenmedien) für eine Hausarbeit. Dort taucht ständig der Begriff 'Ausdifferenzierung' auf, ohne jedoch definiert bzw. im Vorfeld erklärt zu werden.
Ich habe im Netz gegoogled: auch dort reden Gott und die Welt (d.h.: Luhmann und seine Anhänger) mit einer Selbstverständlichkeit über die 'Ausdifferenzierung', die eine Begriffserläuterung nicht notwendig erscheinen lässt.
Drob dieser Selbstverständlichkeit versus meines Nicht-Verstehens komme ich mir ziemlich unterbelichtet vor. Doch selbst die aufrichtigste Scham löst nicht das Problem - die 'Ausdifferenzierung' erschließt sich mir nicht und somit auch nicht Luhmanns Abhandlungen, in denen so reichhaltig von ihr Gebrauch gemacht wird.
Hat hier vielleicht zufällig einer von euch eine verständliche Erklärung parat, die er "mal so eben aus dem Ärmel schütteln kann?" Oder kann mir jemand eine diesbezügliche Quelle nennen (, die sich bestenfalls auch noch dieses Wochenende per Internet 'anzapfen' ließe).?
Im Voraus schon vielen Dank für eure Beiträge,
Marcus
Comments
Bradbury
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View profileHuhu Marcus,
mein guter alter Papier-Duden erklärt "ausdifferenzieren" mit: sich in einem Differenzierungsprozess von etwas ablösen u. verselbständigen.
Jetzt weiß ich natürlich nicht ob die Luhmänner noch eine skurrile Spezialbedeutung für diesen Begriff haben. Luhmann isja nu mal rundum speziell.:rolleyes: Aber dass sich bei denen dauernd was ablöst und verselbständigt, könnte ich mir als Nicht-Soziologe schon gut vorstellen...
Serres
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View profileMarcus,
hast du vielleicht schon hier gesucht: [URL="https://books.google.de/books?id=QHqznXaz6zIC&printsec=frontcover&dq=abels+heinz+einf%C3%BChrung+in+die+soziologie&source=bl&ots=B_KlovFyb9&sig=20Pp9W3utUexsdl3RkE1nSpnd3M&hl=de&ei=h7QoTZSgE4GRswasq4nQAg&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=4&ved=0CDUQ6AEwAw"]Einführung in die Soziologie 1: Der ... - Google Bücher[/URL] und dort im Kapitel 6.5 Die These von der Reduktion von Komplexität? Ich habe den ganzen Text nicht gelesen, aber dieser Begriff kommt dort vor.
Gruß.
vittoriacolonna
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View profileLuhmann unterscheidet (historisch aufeinanderfolgend!) drei Differenzierungsformen:
- segmentär (Einfache, kleine, räumlich voneinander getrennte, gleiche Gesellschaften direkter Kommunikation): Alle Individuen haben die gleiche Rolle (dazu solltest Du auch mal bei Parsons nachschauen!)
- stratifikatorisch (Gesellschaft differenziert sich nach hierarchischen sozialen Schichten als Teilsystemen wie Adel, Bürger, Bauern, Besitzlose): Individuen gehören immer nur einem dieser Teilsysteme an.
- funktional-differenziert (an die Stelle von hierarchischen Schichten als sozialen Teilsystemen treten in einem langen Transformationsprozess autonome Funktionssysteme wie Politik, Wirtschaft, Recht, Religion, Wissenschaft etc.): Individuen erfüllen in diesen Systemen verschiedene Rollen.
Ausdifferenzierung bedeutet also IMO, dass sich aus einer Gesellschaft immer neue Gesellschaften herausgliedern. Da Gesellschaft insgesamt wie auch alle Gesellschaftssysteme Kommunikation brauchen, aber auch Kommunikation ohne Gesellschaft nicht denkbar ist, besteht ein zirkuläres Bedingungsverhältnis.
Vielleicht besorgst Du Dir mal Luhmanns Buch "Gesellschaft der Gesellschaft"? Ist vielleicht auch brauchbar.
Hilft Dir das weiter?
MaHeAr
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View profileVielen Dank für eure Hilfe.
Wenn ich das richtig verstehe, könnte man die Ausdifferenzierung auch mit einer Baum-Metapher darstellen: Aus dem ursprünglichen Stamm entspringen Äste, die in unterschiedliche Richtungen wachsen, aus denen wiederum neue Triebe entspringen usw.
Das stellt zwar noch nicht die drei Differenzierungsformen dar, verdeutlicht aber, so glaube ich, ganz gut das Grundprinzip von Ausdifferenzierung.
Also, nochmals vielen Dank (auch für den Buchtip) und eine guten Start in die neue Woche!
vittoriacolonna
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View profileSo in etwa - und die Baummetapher stellt durchaus die drei Differenzierungsformen dar, weil die stratifikatorische ja aus der segmentären hervorgegangen ist. Der Baum-Vergleich ist auch insofern treffend, als eine stratifikatorische Ausdifferenzierung sich nicht mehr in eine segmentäre zurückbildet - auch der Baum entwickelt sich ja nur vorwärts und nimmt seine neuen Ästchen nicht einfach zurück ;))