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Die heilige hessische Inquisition oder

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Die heilige hessische Inquisition, oder...

...interreligiöser Dialog auf hessisch!

... "Was macht man denn eigentlich mit Kulturwissenschaften?"

Die Feuilletons quellen derzeit über mit den Berichterstattungen über den hessischen Kulturpreis,der dem muslimischen Schriftsteller Navid Kermani auf Bestreben von Karl Lehmann und Peter Steinacker aberkannt wurde.

Siehe auch: [url=https://www.zeit.de/2009/22/Portraet-Kermani]Kulturpreis-Streit: Navid Kermani taugt nicht als Feindbild | Kultur | Nachrichten auf ZEIT ONLINE[/url]

Ich dachte, dass dies nochmal ein schönes Thema wäre, an dem sich angehende Kulturwissenschaftler austoben könnten.

Glaubt Ihr, dass die Kritik Lehmanns und Steinackers berechtigt ist, oder handelt es sich hierbei um einen Ausläufer der Islam-phobie, die in den letzten Jahren allerorts grassiert?
Wenn mit dem Preis die Bemühungen um den 'interreligiösen Dialog' ausgezeichnet werden soll, müsste er doch eigentlich auch den christlichen Preisträgern aberkannt werden, da sich an diesem Disput die Unfähigkeit zu selbigem beweist.

Wie ist eurer Meinung nach dieser Konflikt zu lösen? Wie kommt die hessische Landesregierung aus diesem Schlamassel wieder raus?

Also, was haltet ihr davon?

Comments

"Was macht man denn eigentlich mit Kulturwissenschaften?"

Vermutlich kluge Artikel schreiben über solche Themen.

(Ich hätte ja eigentlich tatsächlich schon 700 Worte dazu geschrieben heute Nachmittag, um in Übung zu bleiben. Aber das Thema ist ein Fass ohne Boden, und gehört auch verdammt gut recherchiert. Also halte ich mich erstmal zurück)

DerBelgarath wrote:


Die Wortwahl Kermanis ist wohl nicht geeignet, als Zeichen der Toleranz verstanden zu werden, sondern meines Erachtens von Intoleranz geprägt.\

Worauf genau beziehst du dich? Ich habe im Artikel, der anscheinend Stein des Anstoßes ist, nichts Entsprechendes gefunden.

Gut, vielleicht habe ich das zu sehr gefiltert gelesen. Da ich selbst kein Christ bin, sind meine Rezeptoren für solche Reizwörter offenbar nicht so stark. Ich kann auch einen Standpunkt verstehen, der eine Kruzifixus-Darstellung als Gotteslästerung sieht. Kermani schreibt weiter oben selbst: "Gerade weil ich ernst nehme, was es darstellt, lehne ich das Kreuz rundherum ab. Nebenbei finde ich die Hypostasierung des Schmerzes barbarisch, körperfeindlich, ein Undank gegenüber der Schöpfung, über die wir uns freuen, die wir geniessen sollen, auf dass wir den Schöpfer erkennen."

Mir sind im Gegenteil eher die Sätze " Erstmals dachte ich: Ich – nicht nur: man –, ich könnte an ein Kreuz glauben. ... Reni verklärt nicht den Schmerz, den er nicht zeigt. Ihm gelingt, was andere Jesusdarstellungen behaupten: Er führt das Leiden aus dem Körperlichen ins Metaphysische über." aufgefallen.

Es ist auch nicht anzunehmen, dass Kermani seinen Artikel mit dem Hintergedanken des "interreligiösen Dialogs" geschrieben hat, sondern seine (subjektiven!) Gedanken über ein Kunstwerk (mit welcher Intention auch immer). Klar könnte man jetzt sagen: selbst schuld, was schreibst du auch als Moslem über ein christliches Bild und verlierst dich dann in einem ohnehin kontroversen Teilgebiet der christlichen Theologie.

Aber ich muss sagen, ich sehe hier durchaus auch einen gedanklichen Bogen: nämlich in der Harmonisierung des eigentlich doch ziemlich brutalen Symbols des Kruzifixus, bei dem man sich auch als Christ schon sehr anstrengen muss, es auch nur annähernd ansprechend zu finden, und das eigentlich als Devotionalium auch erst vergleichsweise spät entstanden ist (und daher schon immer sehr mit mittelalterlicher Theologie befrachtet war) mit einer anderen, auch für ihn (Kermani, den Moslem, vielleicht stellvertretend auch für andere Nicht-Christen?) akzeptablen Sicht des Leidens - weg vom Körperlichen, hin zum Metaphysischen.

Ich als Nicht-Christ und Atheist muß ich mir den Text auch erstmal "sensibilisiert" zu Gemüte führen ;)

Ja Kermani provoziert mit seiner Wortwahl - aber oft verstehe ich nicht warum man das Thema Religion immer mit groooßen Samthandschuhen anfassen muss.
Auch wenn es etwas sehr privates für jeden Menschen ist ob er glaubt und woran er glaubt, politische Einstellungen sind doch z.Bsp. auch etwas privates und da diskutiert man aber gerne und oft auch heftig?!
Daß soll natürlich kein Freibrief für niveaulose Diskussionen oder Beleidigungen sein.

Interreligiöser Dialog ist hier sicher nicht das am besten gewählte Schlagwort, aber ich finde es sollte jedem zustehen kritsch über alles zu schreiben und zu denken, die Religion nicht ausgenommen.
Und jeder sollte soweit sein mit Kritik oder anderen Sichtweisen am eigenen umgehen zu können ohne gleich "Skandal!" zu schreien.

Und gerade die katholische Kirche sollte sich mal an der eigenen Nase fassen und lieber still sein, bei allem was sich bei denen so tut :rolleyes:
Das gilt auch für alle anderen (großen) Religionen - oft denke ich bei solchen Diskussionen, die Religion, die Weltkirchen an sich sind irgendwie ein Übel. Aber das ist meine Meinung

Thuri wrote:

aber oft verstehe ich nicht warum man das Thema Religion immer mit groooßen Samthandschuhen anfassen muss.
Auch wenn es etwas sehr privates für jeden Menschen ist ob er glaubt und woran er glaubt, politische Einstellungen sind doch z.Bsp. auch etwas privates und da diskutiert man aber gerne und oft auch heftig?!\

Das scheint genau das Problem zu sein - Religion und Politik sind wohl nicht voneinander getrennt, zumindest in manchen Kulturen ...

Wie hier in Österreich wo die FPÖ mit Parolen wie "Abendland in Christenhand" in den Wahlkampf zieht :mad

und ich warte noch immer drauf, dass mal einer von denen erklärt, was "christliche Werte" eigentlich sein sollen...

"Gerade weil sein Schmerz kein körperlicher ist, nicht Folge denkbar schlimmster, also ungewöhnlicher, unmenschlicher Folterungen, stirbt dieser Jesus stellvertretend für die Menschen, für alle Menschen, ist er jeder Tote, jederzeit, an jedem Ort."

Das steht am Ende von Kermanis Betrachtung. Das Argument ist nicht neu.

In J.L. Borges Kurzgeschichte "Drei Versionen von Judas" argumentiert ein zugegeben fiktiver Theologe, dass die Vorstellung, die Sünde der gesamten Menschheit in Vergangenheit und Zukunft könne durch einen Nachmittag am Kreuz getilgt werden, blasphemisch sei. Wenn Gott Mensch werde und sich opfere, dann müsse das Opfer perfekt sein - der Kreuzestod sei es nicht.

Das ist einer die Widersprüche im Christentum, und dass gerade ein Andersgläubiger darauf hinweisen muss, zeigt wie oberflächlich religiöser Dialog innerhalb des Christentums, zumindest in der Öffentlichkeit geführt wird. Auch wenn Kermani provokant schreibt, ist doch sein Interesse ein ehrliches.

Problematisch dabei ist natürlich, dass das Kreuz nicht nur das symbolische Opfer Christi repräsentiert, sondern zum Symbol für die westliche christliche Religion wurde (Der Orthodoxismus hängt meines Wissens weniger am Kreuz). Der Affekt, mit der Kritik am Kreuz grundsätzliche Kritik am Christentum mit eingeschlossen zu sehen, ist wohl besonders für einen Kirchenmann kaum zu unterdrücken. Es würde jedoch sehr für Kardinal Lehmann sprechen, wenn er darüber hinwegkommen kann und Kermanis Bemühen zu tatsächlich religionsübergreifenden Gedanken würdigte. Vielleicht kann er ja eine ähnlich tiefempfundene Antwort auf den Vorwurf Kermanis geben.