in diesen Tagen treibt mich eine gewisse Gewissensfrage um, die ich gerne mit kulturwissenschaftlichen Kompetenzlern - also Euch- diskutieren möchte:
Zur Vorgeschichte:
Meinem Sohn Nr 1 hat es gefallen sich durch einen kleinen Machtkampf mit seiner Französischlehrerin bei einem recht guten mittleren Schulabschluss die Quali für die Oberstufe zu verbauen.Wir haben dann bei einem professionellen Nachhilfeinstitut für schlappe 550 Möhrchen einen Nachhilfelehrer geordert, der Sohnemann auf die inzwischen bestandene Nachprüfung vorbereitet hat.
Der Nachhilfelehrer Herr C. ,schätzungsweise Mitte 50, lebt von der Nachhilfe und Zeitungaustragen, erschien durchaus kompetent, jedoch etwas schrullig. Mein (kluger) Sohn hatte viel Spaß an dessen Verschwörungstheorieen die von "die Amerikaner haben eine Maschine, mit der sie das Wetter beeinflussen" bis hin zu irgendwelchen Zionistenmythen reichten.
Eines schönes Tages, es waren gerade noch knapp zwei Wochen bis zur Nachprüfung und ich arbeitete gerade an meiner HA über Holocaustliteratur, sprach mich Herr C. auf die herumliegende Literatur an und bedachte mich mit kleinen Vorträgen darüber, dass die Amerikaner bei der Befreiung Dachaus die Duschen manipuliert hätten, die Juden seien nicht vergast worden und überhaupt seien das ja niemals 6 Millionen gewesen, höchstens zwei... alle Einwürfe meinerseits wertete er als Zustimmung...jaja, man dürfe das ja nicht so sagen...er hatte den Eindruck, wir wären uns einig... dann musste er gehen und ich blieb ziemlich perplex zurück.
So, jetzt zur Gewissensfrage:
Fakt ist, der Kerl ist offenbar ein Spinner, der sich durch Widerspruch nur noch mehr bestätigt fühlt. Fakt ist auch, dass ich die Relativierung des Holocaust (in meinem Arbeitszimmer !) ungeheuerlich finde.
Sollte ich mich an das Institut wenden und ihn abziehen lassen, damit die Prüfung meines Sohnes- und seinen (Herrn C.) dringend benötigten Job gefährden? Sollte ich ihn anzeigen?
Würde er das begreifen? Würde er sich dadurch als Märtyrer empfinden? Soll ich das überhaupt ernst nehmen?
Wir haben seit der Schule viel über Mitläufertum und mangelnden Widerstand gegen die NS gelernt. Wir wähnen uns alle in der Sicherheit, dass wir es bereits in den Anfängen besser wüssten und sich solches niemals wiederholen wird.
Ich stehe da und frage mich ernsthaft, ob ich dieses kleine verschrobene Männchen ernst nehmen soll...oder das was er sagt...oder ob ich etwas gegen ihn unternehmen soll...schließlich muss ich davon ausgehen, dass er seine fragwürdigen Ideen auch anderen Judendlichen aufdrängt. Das würde ihn seinen Job kosten.
Was meint Ihr?
Angelika
Comments
goldie-hafi
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View profileAlso wenn Dein Sohn die Prüfung inzwischen bestanden hat, kannst Du das Institut doch ruhig informieren, was der Lehrer so von sich gibt.
trickytrillian
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View profileHmmm...schwieriges Thema. Ich hab selbst drei Kinder in der höheren Schulausbildung. Da kommt einem auf Lehrerseite leider schon einiges unter, von rechtsnationalem Gedankengut, Frauenfeindlichkeit bis hin zur "modernen" Fremdenfeindlichkeit. Mein Umgang damit ist zunächst mal Aufklärung meiner Kinder (die verdrehen mittlerweile schon die Augen bei regelmäßig wiederkehrenden Voträgen ;)), danach das Gespräch mit dem Lehrer, dem "Verbreiter" dieser Ideen und danach das Gespräch mit Vorgesetzten (bislang nur einmal bis zur Direktorin, weitere Behörden musste ich bis jetzt noch nicht in Anspruch nehmen...). Auch "possierliches" Verbreiten fragwürdiger Einstellungen ist für mich ein No Go.
Ist immer ein schwieriges Thema, wenn man dann konfrontieren muss.. manchmal kommt man leider nicht drum rum.
Angelika B.
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View profilehmhm, tatsächlich habe ich etwas unternommen, aber das erzähle ich später.
Worum es mir geht: wie verhalten wir, die wir Geschichte rückwärts betrachten, uns eigentlich auf Augenhöhe mit solchen Ereignissen. Ich habe mich zunächst völlig opportun verhalten, da ich die Prüfung nicht gefährden wollte. Außerdem hat der Typ mir auch leid getan...
krid
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View profileZunächst eine praktische Überlegung: wenn der C. als Lehrer was taugt, würde ich nichts unternehmen, bis die Prüfung erledigt ist. Dein Sohn sollte nicht darunter leiden müssen, dass der Typ merkwürdige Meinungen hat.
Ansonsten stellt sich die Frage: hat er seine kruden Theorien auch deinem Sohn gegenüber geäußert? Wenn nein, dann halte ich ein Eingreifen nicht für nötig. Ich bin der Meinung, dass unter Erwachsenen keine besondere Vorsicht nötig ist. Schließlich kannst du den Sinngehalt der Thesen bewerten, was Jugendliche möglicherweise noch nicht können.
Sollte er seine Thesen aber auch Kindern gegenüber äußern, hielte ich das für untragbar.
Nun besteht diese Gefahr natürlich bei einem, der als Lehrer arbeitet. Aber auf den bloßen Verdacht hin Sich an den Arbeitgeber zu wenden, finde ich schon kritisch. Ich gebe allerdings zu, dass man das auch anders sehen kann. Ich wäre wahrscheinlich nicht sehr froh, wenn der C plötzlich als Lehrer bei meinen Kindern auftauchte.
Maud
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View profileRein pragmatisch gedacht kann man bei einem Institut, bei dem man Geld für professionelle Nachhilfe bezahlt, einen anderen Nachhilfelehrer verlangen. Zunächst mal ohne Gründe, bei Nachfragen seitens des Instituts kann man Bedenken, die sich auf eine ideologische Bemerkungen beziehen, gezielt und ohne die gesamte Person anzugreifen, äussern (allerdings ohne das Institut selbst anzugreifen).
Von einer Bekannten, die Historikerin ist und an einem Gymnasium unterrichtet, weiss ich, dass Lehrer mittlerweile in bestimmten gesellschaftlichen Umfeldern von Schulen eine Verharmlosung des Nationalsozialismus beobachten (genau in der Weise, wie du es beschrieben hast, Verharmlosung der Opferzahlen usw.), meist dort, wo entsprechende Aktivisten auftreten. Wie man darauf zu reagieren hat, oder überhaupt reagieren kann, scheint im Lehrerkollegium umstritten zu sein. Einige machen die Augen zu, andere formieren sich, um zumindest im Unterricht solche Themen gezielt durchzuarbeiten. Offenbar scheint das Problem jedenfalls nicht vom Tisch zu sein, trotz aller Aufarbeitung.
Sie selbst setzt sich in ihren persönlichen Grenzen für Aufklärung ein und hält es für unbedingt notwendig, dass Historiker die Aufgabe übernehmen, weiterhin für Aufarbeitung und Aufklärung zu sorgen.
Angelika B.
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View profileDanke für Euer Mitüberlegen,
ich habe im Nachhinein ein Anschreiben an den Institutsleiter verfasst, in welchem ich zunächst die fachliche Kompetenz sehr gelobt - und dann auf das Problem hingewiesen habe. Ich habe freundlich darum gebeten, dass man eine gewisse Zurückhaltung in weltanschaulichen Dingen gegenüber Herrn C. annmahnt. Das hat auch gut funktioniert: der Institutsleiter hat mich sofort angerufen und sich zuerst entschuldigt, dann bedankt und mir versichert, dass es Gespräche geben wird. Ob Herr C. jetzt seinen Job verliert weiß ich nicht. Denke aber, dass ich mich richtig verhalten habe.
Ich kenne ähnliche Situationen im Umgang mit meinen Klienten. Das sind überwiegend Leute, deren Bildungskarrieren im Verauf ihrer Suchtkarrieren abgebrochen sind. Da fällt es mir relativ leicht in Diskussionen deren "Argumentationen" zu demontieren. Ich nehme das oft nicht ernst, weil es meist auf geschichtlichem Halbwissen beruht.
Die Geschichte hier war irgendwie anders...vielleicht, weil soviel ( Für ihn und uns) davon abhing, vielleicht, weil er nicht aus "bestimmten gesellschaftlichen Umfeldern" stammt...