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xenforo

"Juden und Deutsche"

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eigentlich befasse ich mich in Zusammenhang mit L6 mit diesem Gedanken, aber ich dachte ich frag mal bei den GeWis nach:

Ich wundere mich immer wieder darüber, mit welcher Fraglosigkeit auch in zeitgenössischen wissenschaftlichen Texten von diesem Dualismus "Juden-Deutsche" die Rede ist.

Judentum meint doch jenseits der Nürnberger Gesetze einfach "nur" die Religionszugehörigkeit - sieht man mal von der jüdischen Abstammungsidee, die eine hypothetische Volkszugehörigkeit impliziert- ab.

Für "Gastarbeiter" hat man sich irgendwann Wörter ausgedacht, wie "Arbeits-Migranten" und schließlich "Menschen mit Migrationshintergrund" und unter der öffentlichen Diskussionsoberfläche schimmern auch schon die "postmigrantischen" Phänomene durch.. Aber zwischen Juden und Deutschn wird immer noch unterschieden, obwohl es sich um Deutsche (jüdischen Glaubens) handelt
Das erscheint mir irgendwie schräg...

Ich habe mir auch schon ein Schänzchen gegoogelt um Veröffentlichungen dazu zu finden...aber Fehlanzeige!

Eure Meinung?

Angelika

Comments

Huh!
Hat niemand 'ne Idee dazu?
Oder ist die Frage so dämlich oder absurd?

Hey Angelika,
der Begriff ist unsäglich denn du die Literatur redet ja auch nicht von Protestanten.Deutschen, Katholiken-Deutschen, Atheisten-Deutschen. Es ist genau das was die Schulbücher zumindest zu meiner Zeit nicht klar hervorhoben nämlich dass die Juden in erster Linie bis 1933 deutsche Staatsbürger waren und dann erst die Religion eine Rolle spielten. Sie wurden erst mit den Nürnberger Gesetzen 1935 quasi staatenlos. In der Verordnung zum Reichsbürgergesetz steht unter § 4 (1)geschrieben dass ein Jude nicht Reichsbürger werden kann...
Ich mache dir folgenden Vorschlag. Wenn du nicht zufällig oder gewollt heute selber in Nürnberg bist, dann werde ich diese Frage ansprechen. Heute fängt ja die PV zu den Nürnberger Reichsparteitagen, -gesetzen und -prozessen an. Ich befasse mich aufgrund meines Ehrenamtes schon länger mit dem Thema, Wenn ich dir da weitere Infos geben kann, dann sende mir einen PN.
LG
Sabine

Abgesehen von den Schlüssen, die man daraus ziehen könnte, ist das sicher ein tolles Beispiel für eine Begriffsgeschichte. Vielleicht hat sich der Begriff "Judentum, Juden" ja dennoch gewandelt und wird heute nicht mehr so besetzt oder vielfältiger besetzt als im letzten Jahrhundert, je nachdem von welcher Gruppierung er verwendet wird. Ausserdem wäre es interessant, wie der Begriff in den USA verwendet wird, falls er überhaupt dort verwendet wird.

Ich würde eher von Israelis sprechen und meine damit israelische Staatsbürger, "Juden" nehme ich in Deutschland so als Gruppe mit Migrationshintergrund definitiv gar nicht wahr, das sind für mich deutsche Staatsbürger. Der Migrationshintergrund anderer Gruppen ist ja auch zeitlich weniger weit zurückliegend.

Ansonsten hab ich leider keinen Einblick in die Materie.

Interessant ist auch wann die Publikationen erschienen und die Hintergründe der Autoren ob da solche Wortbegriffe gezielt oder unbedacht eingesetzt wurden.
Oh, dass erinnert mich nun an die Literaturtheorien die ich noch vorige Woche pauken musste. Von wegen New Histricism, Diskursanalyse etc.

Vielleicht dient das einfach nur zur Differenzierung zwischen Holocaust-Opfer-Literatur und dem Rest?

Ausserdem sind manche Begriffe für "Gruppen" tendenziell neutral, an der wertfreien Staatsangehörigkeit ausgerichtet.

Andere Begriffe, selbst "Deutscher" oder eben bei Zugehörigkeit zu einer Religion, national, ethnisch oder religiös-kulturell besetzt. Man kann von Amerikaner als solchem sprechen, aber auch von Texanern, damit ist dann eine Art kulturelles Kriterium im Fokus...dasselbe bei Deutscher oder Bayer/Schwabe/Ostfriese. Das ist dann offenbar auch sehr willkürlich.

Ja der Kontext ist immer wichtig. Hatte ich eben vergessen zu erwähnen.

vittoriacolonna wrote:

Vielleicht dient das einfach nur zur Differenzierung zwischen Holocaust-Opfer-Literatur und dem Rest?


Das könnte ja auch mit der spezifischen Aufarbeitungssituation der deutschen Geschichte zu tun haben.

Maud wrote:

Das könnte ja auch mit der spezifischen Aufarbeitungssituation der deutschen Geschichte zu tun haben.

Unbedingt! Und darum geht es in dem Kursband ja auch. Ansonsten ist diese Unterteilung natürlich schwachsinnig - da gehe ich mit Angelika konform. Aber in diesem Zusammenhang ist das einfach wichtig *find*.

Ich glaube bei den Autoren eigentlich nicht an bewusste ideologische Hintergründe. ich glaube tatsächlich auch, dass das kulturell so gewachsen ist und natürlich auch mit dem Selbstverständnis der orthodoxen Juden ( die sich als Volk Israels empfinden) korrespondiert.


Gerade in Deutschland achtet man bei brisanten Themen penibelst auf begriffliche Trennschärfe, wie ich an meinem Beispiel zur Migrationsdebatte zeigen wollte. Kulturelles Kriterium ist denkbar, aber hier stimmt das dritte des Vergleichs nicht: Man redet ja auch nicht von "Obst und Birnen".
\

Maud wrote:

Das könnte ja auch mit der spezifischen Aufarbeitungssituation der deutschen Geschichte zu tun haben.


Ja, und es zeigt an, dass die Aufarbeitung noch nicht so weit gediehen ist, wie das zu wünschen wäre.

@Sabine: ich bin sehr gespannt auf Deinen Bericht!

Liebe Grüße

Ich glaube, dass ganze hat irgiendwie zu tun mit dem "erwählten Volk". Dadurch wird Judentum in vielen Bereichen nicht einfach als Konfessionszugehörigkeit gesehen, sondern als Volkszugehörigkeit. Ich denke dass es auch eine Folge des Zionismus ist. Im Kaiserreich und Erstem Weltkrieg haben Juden für Deutschland gekämpft - und zwar dezidiert als Deutsche - aber in Europa waren sie trotzdem immer Anfeindunngen ausgesetzt. Es ist ähnlich wie bei Sinti und Roma: es wird etwas Nicht-Zugehöriges konstruiert und dann tradiert. Das Resultat ist das eine Konfession zur Volkszugehörigkeit gemacht wird. Das alles ist natürlich absurd: ich bin Katholik und Deutscher und niemand käme auf die Idee zu sagen: "Dann geh doch in den Vatikan"...Vielleicht hat das alles aber nur einfach mit der grenzenlosen Ignorenz der Menschheit zu tun (hat nichts mit dem Studieum zu tun, ich weiß...aber der Gedanke drängt sich auf!!)

Michael_Wegner wrote:

Es ist ähnlich wie bei Sinti und Roma: es wird etwas Nicht-Zugehöriges konstruiert und dann tradiert. Das Resultat ist das eine Konfession zur Volkszugehörigkeit gemacht wird.


Genau das. Aber warum heute immer noch?

Angelika
Ich empfehle dir, den Aufsatz v. G. Scholem mit dem Titel 'Juden und Deutsche' zu lesen. Du findest ihn günstig in: 'Deutschtum und Jdentum', Reclam 1993, hrsg. v. Chr. Schulte. Gutes Vorwort und weitere wichtige Texte zum Thema.
Weiter habe ich unter diesem Titel eine neue Arbeit bei scribd hochgeladen:
[url]https://www.scribd.com/doc/96530750[/url]

Aber vielleicht ist dir das alles dann doch zu komplex.

delphine,
hatte schon garnicht mehr mit Rückmeldungen gerechnet...WOW!

Dankeschön!
Angelika