die "Einführung in die Geschichte Alteuropas" (KE1) wird auf den Seiten 1-4 mit einem Text über Otto Brunner eingeleitet. In einem Nebensatz verweist der Text darauf, dass Brunners Hauptwerk in der Zeit der NS-Herrschaft entstanden ist. Das gilt zunächst einmal ja auch für z.B. Walt Disney. Ein wenig mehr Information zu Otto Brunners Aktivitäten zwischen 1933 und 1945 hätte ich mir allerdings schon gewünscht, insbesondere, da "Brunners Konzept...beim Zuschnitt und Programm unseres Lehrgebietes Pate gestanden" hat (Seite 1).
In Ermangelung weiterer Informationen im Studienbrief hier eine kleine Auswahl an Zitaten über und von Otto Brunner:
"Zu denjenigen Historikern, die sich dem nationalsozialistischen Regime andienten, zählte auch Otto Brunner. Brunner verstand sich von Anfang an als politischer Historiker"
Ewald Grothe "Zwischen Geschichte und Recht: deutsche Verfassungsgeschichtsschreibung 1900-1970"
"Brunner trat der NSDAP zwar erst am 1.7.1938 bei, gehörte aber schon 1933 dem östereichischen illegalen Ableger an."
Ingo Haar "Historiker im Nationalsozialismus"
"Otto Brunner ist dagegen auch fachlich umstritten. Sein erstmals 1939 veröffentlichtes Hauptwerk 'Land und Herrschaft' wurde von ihm für die Nachkriegsausgaben von belastenden Äußerungen gereinigt und retuschiert. Brunners ausgeprägtes nationalsozialistisches Engagement ist seit langem bekannt. Andere haben gezeigt, wie sehr die Nähe zum nationalsozialistischen Rechtsdenken Brunners Begriffswahl und die Architektur seiner Gedanken geprägt hat, mit starker Nachwirkung in der Nachkriegszeit."
Kommentar von Prof. Dr. Jürgen Kocka in der Sektion "Deutsche Historiker im Nationalsozialismus"
42. Deutscher Historikertag, Frankfurt/Main, 10. Sept. 1998
"Anläßlich der Jubiläumsfeier zum zehnjährigen Bestehen der SODFG, die am 17. und 18. März 1941 im Rahmen einer Geheimtagung in Wien begangen wurde, definierte Brunner die künftigen Arbeitsbereiche. Diese beinhalteten:
1. die Ermittlung des 'blutsmäßigen germanisch-deutschen Anteils' an der Bevölkerung in Südosteuropa und die Wiederbelebung des "Bewußtsein[s] der verlorenen Siedlungsbrücken" des mittelalterlichen Siedlungsraumes;
2. die Widerlegung der These ungarischer Wissenschaftler, wonach die "natürlichen Grenzen des Donau-Karpatenraumes" entlang des Karpatenhauptkammes verlaufen würde;
3. den historiographischen Nachweis, daß es homogene ethnische und territoriale Einheiten im Südosten gegeben habe;
4. die Belegung der Existenz der "Volksgruppen", indem nicht mehr nur die Sprache als ausschlaggebendes Merkmal heranzuziehen sei, sondern auch ihre Herkunft;
5. die "Immunisierung der deutschen Volksgruppen gegen die geistige Beeinflussung durch fremde Staatsideen", und schließlich
6. die Begründung einer deutschen kulturellen Hegemonie über die Kleinvölker Südosteuropas.
Damit drückte Otto Brunner die Direktive der neuen bevölkerungspolitischen Arbeit aus, an der Germanisierung des deutschen "Lebensraumes" teilzunehmen, also die sogenannte "Fahndung nach deutschem Blut" einzuleiten."
Michael Fahlbusch "Die 'Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften' Ein Brain-Trust der NS-Volkstumspolitik?"
Auch sehr lesenswert in diesem Zusammenhang:
Gadi Algazi "Otto Brunner - 'Konkrete Ordnung' und Sprache der Zeit"
([COLOR=#1d2a8d][U][COLOR=#1D2A8D][U][URL="https://www.tau.ac.il/%7Ealgazi/texts/Brunner--Konkrete%20Ordnung.pdf"]https://www.tau.ac.il/~algazi/texts/Brunner--Konkrete%20Ordnung.pdf[/URL][/U][/COLOR][/U][/COLOR])
(zu diesem Text schreibt Dr. Michael Fahlbusch:
"Er zeigt naemlich auf, dass die unmittelbare Generation der Schueler Brunners nach wie vor daran interessiert ist, urspruenglich nationalsozialistische Geschichtswerke als Beitraege der modernen Sozialgeschichtsschreibung auszuweisen.")
Außerdem lesenswert:
"Sozialgeschichte als politische Geschichte" Thomas Etzemüller
Übrigens: In den Literaturempfehlungen wird u.a. auch auf Brunners Kollegen Werner Conze verwiesen, zu dem sich das schöne Zitat findet: "So verfocht er ein 'erbgesundes Bauerntum als Blutquell des deutschen Volkes' und verlangte 1940 die 'Entjudung der Städte und Marktflecken' im besetzten Polen."
Ernst Klee "Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945"
Na denn noch einen schönen Tag!
Comments
laratte
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View profileDas ist ja mal interessant...
balina
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View profileund nun ?!?
laratte
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View profileNaja, da stand doch auch, dass die Alteuropa mittlerweile anders interpretieren als damals, dass nur der Begriff ursprünglich von Brunner stammt, oder? Ist schon was her dass ich das gelesen hab.
honkplonk
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View profile... und nun kann man z.B. anfangen, darüber nachzudenken
honkplonk
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View profilenö, nicht ganz: da steht, dass "mit hinreichendem Abstand" (öhm...ist damit gemeint: die zeit heilt alle wunden?) die "analytische kraft (des Begriffes) erkannt und in dienst genommen wird"
Im Übrigen geht es ja auch nicht nur um den "Begriff" per se sondern um das Konzept dahinter.
laratte
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View profileNaja, will jetzt keine endlos-Diskussion entfachen, was im Nationalsozialismus passiert ist, ist schlimm. Aber die Leute fahren auch noch Autobahnen die zu der Zeit gebaut wurden. Von daher kann man ja auch den Begriff Alteuropa noch verwenden. Denke ich.
vittoriacolonna
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View profileBrrr ... diesen Autobahnenvergleich finde ich, mit Verlaub und ohne Dir zu nahetreten zu wollen, immer recht unangenehm. Der kommt in meiner Würgereiz-Skala immer kurz nach "War ja nicht alles schlecht, was der Hitler so gemacht hat" ... :eek::eek::eek:.
@honkplonk: Vielleicht fragst Du mal beim Lehrstuhl nach, warum man sich ausgerechnet einen NS-nahen Historiker zum Vorbild nimmt ... Und die Antwort würde mich dann interessieren!
vittoriacolonna
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View profileUm mal für Petra in die Bresche zu springen - sie meinte sicher, was man da jetzt machen soll. Denken kann sie nämlich sehr gut ;):p! Daher nochmal mein Vorschlag, den Modulbetreuer anzusprechen :)!
UliS
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View profileAlso, ich habe nicht den Eindruck, dass die sich den Brunner zum Vorbild genommen haben. Sie erkennen lediglich an, dass er - wenn auch aus einem 'bösen' politischen Motiv, Bahnbrechendes für die Forschung zur Frühen Neuzeit geleistet hat, was "später zum methodischen Credo der deutschen Nachkriegshistorie" (Modul 1E, Die europäische Moderne aus geschichts- und literaturwissenschaftlicher Perspektive, KE 2: Erweiterung der Perspektive: Alteuropa und Außeneuropa, hier: Sokoll, Thomas, Seite 58) wurde. Brunner stellte nämlich als erster fest, dass man unsere modernen Begriffe nicht auf irgendeine Zeit vor 1800 unbesehen übertragen könne.
Herzliche Grüße
Uli
honkplonk
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View profileHallo Uli,
danke für Deinen Beitrag! Der spricht nämlich genau den entscheidenden Punkt an: Es geht nicht so sehr um die PERSON Otto Brunner an sich (Der Mann war bekennender Nationalsozialist; dem muss man nichts mehr hinzufügen.) Es geht vielmehr um das KONZEPT Otto Brunners, also z.B. um die These, dass man moderne Begriffe nicht unbesehen auf eine Zeit vor 1800 übertragen könne. Das ist eine Aussage, die es in sich hat und gerade deshalb nicht einfach wiedergekäut sondern auch hinterfragt werden sollte (und sei es, um des besseren Verstehens Willen). Wenn man aber eine solche These hinterfragt, gehört dazu nicht nur, deren Inhalt an sich zu betrachten, sondern auch den geschichtlichen Hintergrund und das geistige umfeld vor und in dem eine solche These entstanden ist. Denn das ein Autor quasi neben sich tritt und eine Idee unabhängig von der ihn ungebenden Wirklichkeit und sogar unabhängig von sich selbst entwickelt, ist eher unwahrscheinlich. Wenn also ein Nationalsozialist als Funktionsträger des NS-Staates ein Konzept entwickelt, bei dem er sich wiederum auf andere Nationalsozialisten (z.B. Carl Schmitt) beruft. kann zumindest die Frage entstehen, inwieweit dieses konzept von nationalsozialistischem Gedankengut geprägt ist und ob dieses Konzept damit überhaupt haltbar ist.
Beste Grüße & einen schönen Tag!
balina
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View profileich finde es immer interessant über solche Dinge nachzudenken und sich damit auseinander zu setzten,[U] ABER warum kommen solche Diskusionsthemen IMMER [/U]vor den Prüfungen?!? DA habe ich dann trotz Interesse einfach weder Zeit noch Kraft mich intensiv damit zu beschäftigen...
vielleicht ist der Alteuropabegriff und Otto Brunner ja mal (dir oder andere)eine HA wert?! Könnte ein spannedes Thema sein...
balina
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View profilePS,: stell dich doch mal im Vorstellungsthread vor, honkplonk.
Laumee
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View profileHonkplonk,
Da ich das Modul gerade bearbeite: Otto Brunner spielt auch in G3 wieder eine Rolle. Und es geht auch genau um die angesprochenen Problematik.
Im Kurs 'Familie und Verwandtschaft' gibt es einen Teil, der sich mit Debatten der Forschung beschäftigt und dort wird auch Otto Brunners Konzept vom 'ganzen Haus' vorgestellt (sein Text kam mir dann auch beim lesen irgendwie sehr merkwürdig rüber)
Im nachfolgenden Beitrag von Claudia Opitz ('Neue Wege der Sozialgeschichte. Ein kritischer Blick auf Otto Brunners Konzept des 'ganzen Hauses') geht es dann auch um das nationalsozialistische Gedankengut, seinen 'neohistoristischen' Ansatz und die vielen Mängel seines Konzeptes.
Das Ganze wird also nicht unkommentiert stehengelassen. Otto Brunners Konzepte sind aber scheinbar noch immer präsent (nicht nur in Hagen) und eine kritische Beschäftigung mit dem Thema ist ganz bestimmt notwendig.
Die Modulbetreuer können aber bestimmt noch mehr dazu sagen ...
(In den Fußnoten findet sich auch folgendes Buch zu dem Thema: R. Jütte, Zwischen Ständestaat und Austrofaschismus. Der Beitrag O. Brunners Zur Geschichtsschreibung in: Jb. des Instituts für Deutsche Geschichte 13, 1984)
Grüße
Laumee
Hedwig
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View profileJa, sehr interessant alles und balina kann ich hier nur unterstützen: Vor den Ätzprüfungen kann ich nicht noch etliches dazu posten, leider. Bin sehr dankbar, dass Laumee mit ihrem Beitrag meine bislang empfundene Tendenz streift: Schon in M1 war der Geschichtsteil m.E. ziemlich NS-kritisch, was mich in etwa wieder bzgl. Rudolf Borchardt im Lit-Teil "besänftigte".:cool
UliS
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View profileMir geht es mit der Prüfung auch so. Ich bin am Montag dran. Möglicherweise habe ich deshalb etwas aus der Hüfte geschossen, aber ich will niemandem in Hagen unterstellen, NS-Historiker zu höheren Weihen zu verhelfen.
Fakt ist, dass Brunner Nationalsozialist übelster Sorte war. Fakt ist aber auch, dass er gemeinsam mit Conze und Koselleck Herausgeber eines der wichtigsten Nachschlagewerke (Geschichtliche Grundbegriffe...) ist. Soll ich die nun wegen der NS-Vergangenheit Brunners und Conzes ignorieren?
Beste Grüße und eine gute Nacht.
Uli
Hedwig
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View profileKann ich dir nicht sagen. Aber es lenkt ja wohl unsere Wahrnehmung insgesamt, wenn wir das im Hinterkopf haben. So ging es mir jedenfalls, hatte mir auch schon meine Rdbemerkungen gemacht.
Naja, Uli ganz gaaanz viel Glück am Montag, du musst unbedingt berichten, wie es bei dem Sohn des großen WB war, ja?
UliS
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View profileHallo Hedwig,
lieben Dank für die Wünsche, aber leider ist der Sohn des großen WB krank geworden. Nun mache ich die Prüfung bei Prof. Kruse.
Hedwig
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View profileeek::eek:Waaas? Oh nee, ne?! Erkennt der denn auch das Thesenpapier an usw.? Mit Herrn K quäle ich mich gerade wegen der Periodisierungen herum, da interessiert es mich ja noch mehr, wie es war, okay:)? Alles Gute!!
vittoriacolonna
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View profileHuhu Uli,
auch ich drück Dir die Daumen - wirst das schon stemmen!
UliS
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View profileJa, das Thesenpapier erkennt er an, hat mir sogar auf meine Frage, was ich noch so bedenken soll, geantwortet, dass ich das Verhältnis zwischen meinem speziellen Thema und der allgemeinen konzeptionellen Anlage des Studiengangs wahren solle. "In Ihrem Thesenpapier ist das ja auch bereits so angelegt."
UliS
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View profileHallo Sandra,
ganz lieben Dank fürs Daumendrücken. Ich kann das gut gebrauchen.
Hedwig
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View profileDu Uli, hast du nicht auch noch den G1-Kurs 03503 zur Hand? KE 3 leitet ja W Kruse ein, das sind nur 7 Seiten, die kannst du noch rasch im Zug lesen. Könnte ja sein, dass er auf soetwas zu sprechen kommt. LG, Hedwig
UliS
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View profileLeider habe ich den im Frühsommer verkauft:confused:. Hoffentlich rächt sich das nicht!:eek:.
Aber er hat ja ein Buch zur Französischen Revolution geschrieben und das habe ich natürlich;).
Hedwig
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View profileSiehst du, macht also nix. Ich bin mir sicher, dass du das packst!! Schön ist ja auch, dass du gleich das Ergebnis mitbekommst. Also, viel viel Glück!